Kolumne über die Playoffs von Henning Harnisch

Auch ALBA Team Manager Henning Harnisch ist richtig heiß darauf, dass die Playoffs endlich losgehen – denn das ist für ihn die schönste Zeit des Jahres. Dazu hat er sich ein paar zeitlose Gedanken gemacht:



Wenn morgens um Punkt sieben das Motorrad unter dem Fenster auf dem Bürgersteig knattrig zündet,
wenn so der Tag startet,
wenn Licht da ist,
wenn aufwachen schlicht und einfach aufstehen heißt,
wenn der Kaffee blubbert,
wenn man barfuß ist,
wenn das Holen der Zeitung eine Kür bedeutet,
wenn die Balkontür geöffnet ist,
wenn das Fahrrad leuchtet,
wenn der Schritt vor die Tür eröffnet,
wenn der erste Tritt in die Pedale wie ein gedehntes ja daherkommt,
wenn ein T-Shirt alles ist,
wenn das Grau den Farben weicht,
wenn die Menschen in den Straßen von innen her lachen,
wenn man sich fragt, wo sie waren, diese Gesichter, diese Gesten, diese Lässigkeit, wo sie waren, die ganze Zeit,
wenn es diese Blicke gibt,
wenn sich alles auf der Warschauer Brücke rhythmisch wie für eine Kabinett-Werbung bewegt,
wenn die Sonne kommt,
wenn der Schotterweg am Landwehrkanal es knirschen und hubbeln lässt,
wenn die Parkbank besetzt ist,
wenn das Boot mit den orangefarbenen Schalensitzen unter der Admiralbrücke hervorlugt,
wenn der Buchverleger in Anzug und mit Sonnenbrille auf einer Bierbank, einen Haufen Zeitungen vor sich, beim Feinkosthändler in der Grimmstraße sitzt,
wenn das Prinzenbad öffnet,
wenn man über die Monumentenbrücke fährt und der Blick Platz wie bei Wenders findet,
wenn man am Rathaus Schöneberg an den Marktständen, die gerade eingerichtet werden, vorbeihuscht,
wenn man über die Brücke im Volkspark fährt,
wenn es links und rechts auf den langgezogenen Grünflächen dort ruht,
wenn die Alten in Steglitz ihre Einkaufswägelchen schieben,
wenn Dahlem-Dorf an eine Modelleisenbahn erinnert,
wenn man im Gras sitzt,
wenn der Wind nachmittags ein wenig kühler weht,
wenn der Winterfeldtplatz wie ein Zentrum zelebrierter Arbeitslosigkeit wirkt,
wenn man eine Cola mit Zitrone will,
wenn der Tiergarten riecht,
wenn die Touristen immer noch unermüdlich laufen und sich postieren,
wenn in Mitte die Showfraktion immer noch die gleichen Frisuren spazieren trägt,
wenn die Jungs im Mombijou-Park vor Publikum hoopen,
wenn die Springbrunnen am Strausberger Platz Dauerfontänen schießen,
wenn die Karl-Marx-Allee wie ein breites Versprechen scheint,
wenn Eis ein Thema wird,
wenn die Sonne über der Bergmannstraße sinkt,
wenn Musik aus jedem Haus am frühen Abend erklingt,
wenn es den einen Song gibt,
wenn die Straßenbahn regelmäßig und bestimmt durchs Ohr rauscht,
wenn die Straßen in der Nacht zu Orten werden,
wenn alles draußen sitzt,
wenn die Zitrone des Kristallweizen durch Fingerschnipp nach einem Salto ins Glas purzelt,
wenn die Jugend irgendwohin zieht

– wenn man das alles sieht und hört und riecht und fühlt und schmeckt, und wenn es nicht aufhört, dann ist es der eine Frühlingstag in Berlin.


Und wenn dann alles in eine Richtung läuft
und wenn alles herein will
und wenn die Stimmen anders klingen
und wenn das Licht zu hell durch die große Fensterfront in die Halle fällt
und wenn es für das Spiel abgedunkelt werden muss
und wenn es eigentlich zu warm für eine Sporthalle wird
und wenn der Ball anders riecht
und wenn es so quietscht und so tönt und so schwitzt
und wenn es sich langsam aber sicher einem Ende nähert
und wenn es nur diese eine Aktion ist
und wenn die Fahrräder derweil an den schicksten Ständern der ganzen Stadt ruhen
und wenn der Prater wartet

– dann ist es Playoffs-Zeit in Berlin. Und dann ist alles für eine (lange) Weile gut hier.



Henning Harnisch (im April 2003)
 
erstellt am 15.05.2007