Rollstuhlbasketball bei ALBA BERLIN: Spanisches Pick and Roll zur Integration

Im Sommer 2001 wurde die Rollstuhlbasketball-Abteilung von ALBA BERLIN gegründet. Seitdem hat sich unter der Regie des engagierten Abteilungsleiters Red Frister viel getan. Drei ALBA-Teams spielen in drei verschiedenen Ligen, es gibt eine Schulliga und Trainingseinheiten für Jedermann und seit diesem Sommer erstmals einen hauptamtlichen ALBA-Rollstuhlbasketballtrainer – den Spanier Santiago Ibanez.

Mit einem Ball in der rechten Hand und drei ineinander gesteckten Hütchen steht Santiago Ibanez im Mittelkreis. Aufmerksam guckt der Spanier seinen Spielern dabei zu, wie sie sich um ihn herum bewegen. Pass bekommen, den Ball auf den Schoss legen, den Rollstuhl mit einem Zug zum Fahren bringen, ein Dribbling setzen und nochmal ziehen. Im Zick-Zack fahren die Spieler so einmal über das Feld, am Ende machen sie einen Korbleger. „Gut, sehr gut“, lobt der Trainer.

Seit August dieses Jahres verfolgt, lobt und verbessert Santiago Ibanez die Aktionen der Rollstuhlbasketballer von ALBA BERLIN. Der 46-Jährige wurde im spanischen Valencia geboren und war einst selber Basketballprofi, ein gehender wohlgemerkt. Er spielte in Valencia, für Bamberg und den MBC. Nachdem er bereits als Spieler einst kurz vor einem Engagement bei ALBA gestanden hat, war es in diesem Jahr nun so weit – wenn auch in anderer Funktion. So ist Santiago Ibanez der erste hauptamtliche Rollstuhlbasketball-Trainer bei ALBA BERLIN.

Ibanez hat sich schnell eingelebt bei ALBA, er ist gut informiert über die Rollstuhlbasketball-Abteilung des Klubs. „Wir haben drei Mannschaften: Landesliga, Oberliga und Regionalliga“, sagt er und ergänzt: „Insgesamt ungefähr 35 Spielerinnen und Spieler.“ Acht dieser Spieler fahren, dribbeln und werfen auch heute in der Max-Schmeling-Halle, dem alten Zuhause von ALBA BERLIN. Haben sie vorhin noch Korbleger gemacht, spielen sie jetzt Pick and Roll. Das Blocken und Abrollen der Rollstuhlbasketballer ist dem der laufenden Sportler sehr ähnlich. Es wird ein Block gesetzt, gedribbelt, blitzschnell abgerollt und per Korbleger vollendet. Einzig die Art der Fortbewegung ist eine andere: Statt zu laufen, rollen die Spieler eben.

Das Pick and Roll steht in gewisser Weise symbolisch für das Verhältnis von Basketball für Gehende und Rollstuhlbasketball. „Ich habe schnell gelernt, wie ähnlich sich die Spiele sind“, sagt Ibanez. So würden die Spieler normale Pässe spielen, Dribblings setzen, Korbleger machen, Würfe nehmen und mit verschiedenen Taktiken spielen. Der große Unterschied: „Die Spieler bewegen sich anders. Sie müssen viel mehr Dinge gleichzeitig machen, mit den Händen und im Kopf.“

Erstmals aufgefallen sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede Ibanez schon in Valencia. Dort begann er im Jahr 2016 mit der Arbeit als Trainer für Rollstuhlbasketballer. „Weil es niemand anderes in meinem damaligen Verein machen wollte“, sagt er heute lachend. Er habe viel lernen müssen, erzählt der Spanier, über Handicaps, Regeln, Trainingsmethoden und Taktiken. Inzwischen kennt Santi – so rufen ihn seine Spieler während des Trainings immer wieder – sich aus. Und so kann der Vater zweier Töchter sich inzwischen auch mit grundsätzlicheren und strukturellen Fragen rund um den Rollstuhlbasketball in Berlin beschäftigen.

Dass er dies mit großer Begeisterung und einigem Tatendrang tut, merkt man ihm zum Beispiel dann an, wenn er sich auf der Holzbank, auf welcher er zum Gespräch Platz genommen hat, aufrichtet, seine Brille richtet und sagt: „Die Leute müssen von uns wissen. Sie müssen wissen, dass es bei ALBA Rollstuhlbasketball gibt und was wir hier machen.“ Zum einen, weil die 35 Leute, die derzeit bei ALBA spielen, nicht genug seien. Zum anderen, weil Ibanez aufzeigen will, dass Basketball auch für Menschen mit einer Behinderung nicht nur zugänglich ist, sondern den Spielern viel geben kann. „Viele Leute sitzen im Rollstuhl, weil sie eine Krankheit haben oder einen schweren Unfall hatten. Nicht selten sind diese Leute in ihrem Leben an einem Tiefpunkt“, sagt er und führt aus: „In solchen Situationen kann Basketball eine Hilfe sein, ein Weg, sich zurückzukämpfen und sich abzulenken.“

Geht es nach Ibanez, sind Rollstuhlbasketball und Behindertensport im Allgemeinen allerdings mehr als eine Chance auf Ablenkung. Für den Spanier sind sie ein Mittel zur Integration. „Mir gefällt, dass auch nicht-behinderte Menschen Rollstuhlbasketball spielen können“, sagt er. So könnten alle Beteiligten, egal ob gehend oder nicht-gehend, viel voneinander lernen. Zu beobachten ist das nicht zuletzt in den Jugendprojekten, die von ALBAs Rollstuhlbasketball-Abteilung regelmäßig organisiert werden. Beim Wiedemann-Schulcup etwa, im Rahmen dessen Jahr für Jahr sowohl gehbehinderte Schülerinnen und Schüler als auch laufende mitmachen. Ibanez bezeichnet dieses integrative Zusammensein als eine „wichtige Erfahrung für die Schüler.“

Und auch unter den Rollstuhlbasketballern bei ALBA, die dem Schüleralter schon entwachsen sind, spielen Gehende und nicht Gehende zusammen. Nicht zuletzt etwa im Rahmen der Trainingseinheit, die Santiago Ibanez zu Beginn mit Ball und Hütchen in der Hand verfolgte und jetzt mit einer kurzen Ansprache beendet.