Es ist dieser Tage nicht ganz so einfach, Rokas Giedraitis zu erreichen. Da wäre zum einen die Zeitverschiebung zwischen Berlin und der chinesischen Stadt Dongguan – immerhin sechs Stunden. Zum anderen sind da noch Trainings, Spiele, Mannschaftsessen und Meetings. All diese absolviert unser Flügelspieler derzeit nämlich nicht mit seinen sich in der Saisonvorbereitung aktiven Teamkollegen von ALBA, sondern mit der litauischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in China. Erreicht man Rokas dann aber doch, wird man am Telefon mit einem freundlichen „Hey man, what’s up?“ und viel guter Laune begrüßt.

Verwunderlich ist dies nicht wirklich. So hat Rokas zusammen mit seinen Landsmännern einen exzellenten Start in die diesjährige WM erwischt, die nebenbei auch noch seine erste als A-Nationalspieler ist. Mit 101:47 und 92:69 haben die Litauer ihre bisherigen Spiele gegen den Senegal und Kanada deutlich gewonnen und so schon vor dem letzten Gruppenspiel das geschafft, was der deutschen Nationalmannschaft um Niels Giffey und Johannes Thiemann verwehrt geblieben ist: die Qualifikation für die Zwischenrunde. Die soll allerdings nur ein Zwischenziel auf dem litauischen Weg durch diese WM sein, auf welchem Rokas Mannschaft von einem ganzen Basketball-verrückten Land begleitet wird.

Fragt man Rokas, wie es sich anfühlt, bei der WM in China dabei zu sein, fängt der sonst mitunter wenig redselig wirkende Litauer munter zu reden an. Es sei eine große Ehre, das eigene Land bei einem solchen Turnier vertreten zu dürfen, sagt er dann und ergänzt: „Als junger Spieler träumst du davon. Dass es jetzt für mich geklappt hat, freut mich also sehr.“ Nachdem Rokas zuletzt bei der Europameisterschaft 2017 kurz vor dem Turnier noch aus dem Kader der Litauer gestrichen wurde, schaffte er ein diesem Jahr den Sprung zur WM. Dort bewegt sich unser Flügelspieler nun in guter Gesellschaft. So gehören die Litauer fast schon traditionell bei großen Turnieren zumindest zum erweiterten Kreis der Favoriten und auch in diesem Jahr kann sich ihr Aufgebot sehen lassen. Allen voran wären da die etablierten NBA-Akteure Jonas Valanciunas und Domantas Sabonis, gefolgt von europäischen Top-Spielern wie Mantas Kalnietis und Mindaugas Kuzminkans.
 

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Mit Spielern eines solchen Kalibers zusammenzuspielen sei etwas Besonderes, sagt Rokas, ergänzt jedoch: „Aber wer wo und für wen spielt, ist nicht wichtig. Klar, Valanciunas und Sabonis sind sehr gute Spieler, aber eben auch normale Menschen, gute Jungs.“ Hinzukommt, dass Rokas seine sommerlichen Mitspieler allesamt schon lange kennt. Für Rokas ist dieses Zusammenspielen mit guten bekannten einer der Faktoren, die Spiele mit der Nationalmannschaft zu etwas Außergewöhnlichem machen.

Ein Anderer Faktor: der unglaubliche Rückhalt aus und die große Basketballbegeisterung in Litauen. „Basketball ist dort eine zweite Religion für die Menschen“, sagt unsere Nummer 31 und man kauft es ihm problemlos ab. Ein Beweis für die litauische Basketballkultur sind die zahlreichen Fans, die ihre Nationalmannschaft immer wieder zu großen Turnieren begleiten und auch jetzt in China wieder mit vor Ort sind. Aber auch in der Heimat ist die Begeisterung für die Nationalmannschaft omnipräsent. „Es ist verrückt“, sagt Rokas und führt aus: „Bei der WM guckt uns das ganze Land zu, alle reden über Basketball. Wenn wir verlieren, ist das ganz Land schlecht gelaunt. Aber wenn wir gewinnen, gibt es überall Party, alle freuen sich.“ Viele Jahre sei er in den Sommermonaten selber ein Fan gewesen, sagt Rokas. Dass er jetzt auf der anderen Seite steht, die Begeisterung aus Sicht eines Spielers mitkriegt, freut ihn merklich.
 

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Ebenfalls anzumerken ist Rokas der Wille, bei der WM mehr als nur dabei zu sein. Er wolle in den kommenden Spielen mit der Nationalmannschaft „etwas erreichen“, sagt er. Die Nachfrage, ob damit der Gewinn einer Medaille gemein ist, verneint der Albatros aber entschieden. „Darüber denken wir noch kein bisschen nach“, antwortet er und ergänzt: „Wir spielen schließlich eine WM. Da reicht ein schlechtes Spiel und schon bist du raus.“ Wünschen möchte man Rokas und seinen Litauern ein solches Spiel nicht. Weil dann eben nicht nur das WM-Abenteuer unseres Forwards ein Ende nimmt, sondern ein ganzes Land schlechte Laune bekommt.
 

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