
Am 15. März 1995 gewann ALBA BERLIN als erster deutscher Basketball-Club einen internationalen Titel: den Korać Cup. 2025 jährt sich der legendäre Titelgewinn zum 30. Mal. Einer der Treiber damals wie heute: Marco Baldi. Im Interview erzählt ALBAs Geschäftsführer vom Umzug in die Deutschlandhalle, Trabis auf dem Parkplatz und einem Pioniergeist, der bis heute fortlebt.
Fotos: Tilo Wiedensohler
Marco, wie oft im Jahr erinnerst du dich noch an den Gewinn des Korać-Cups?
Zwischen null- und 30-mal. Wenn ich zum Beispiel an der Messe mit dem CityCube vorbeifahre, wo früher die Deutschlandhalle war, denke ich automatisch daran. Manchmal fällt mir auch irgendeine Szene ein. Meistens sind es Trigger oder Reize, die einen wieder dran denken lassen. Das hört sich vielleicht blöd an, aber wenn ich einen Trabi sehe, muss ich auch daran denken. Warum das so ist, kann ich nachher erzählen. Manchmal ist man aber so im Tagesgeschäft drin, dass man überhaupt nicht daran denkt.
In welcher Ausgangslage befand sich der Club vor der Saison 1994/95?
Ich habe 1990 angefangen. Bis 1994 hatten wir schon eine gewisse Entwicklung hinter uns, waren etabliert. Die erste Zeit war ein totaler Überlebenskampf, aber wir sind gleich in der ersten Saison mit einer sehr routinierten Mannschaft ins BBL-Finale gekommen und haben damit Aufmerksamkeit erregt. Dann kam Dieter Hauert als Präsident und wir konnten die ALBA Group, damals ALBA Recycling, als Partner und Namensgeber gewinnen. Von da an haben wir uns stabilisiert. Insofern war die Saison 1994/95 keine Jungfernfahrt. Vor der Spielzeit war aber natürlich nicht daran zu denken, dass wir in einem internationalen Wettbewerb so weit kommen würden. Niemand hat erwartet, dass ein deutsches Team so einen Coup landen kann.
Als du angefangen hast, bist du „in ein totales Himmelfahrtskommando reingerutscht“, so hast du es selbst mal gesagt. Fünf Jahre später steht ihr in der Deutschlandhalle und reckt die Korać-Cup-Trophäe nach oben. Wie konntet ihr so schnell die Weichen auf internationalen Erfolg stellen?
Am Ende hängt das mit Personen zusammen. Ich habe gerade schon den wesentlichen Baustein beschrieben: Dieter Hauert kam als Präsident und mit ihm sozusagen eine Glaubwürdigkeit, dass der Basketballclub in Berlin wirklich was Dauerhaftes entwickeln kann. Dann ist ALBA als Unternehmen eingestiegen, dadurch haben wir wirklich Stabilität bekommen. Ich meine das jetzt gar nicht so pfadfindermäßig, aber ich habe bei einem Kumpel ein Jahr auf der Couch geschlafen. Es gab kein Geld, alles musste irgendwo mühsam und durch eine riesige Energieleistung organisiert werden. Und im zweiten Jahr hatten wir durch ALBA deutlich bessere Möglichkeiten. So haben wir Stück für Stück angefangen, den Laden zu strukturieren.
Was heißt das?
Wir konnten anfangen, strategischer zu arbeiten und nicht nur im Überlebensmodus zu sein. Das haben wir über die Jahre fortgesetzt und jedes Jahr einen Schritt gemacht, vor allem, was Organisation und Struktur anbelangt. Dann war sicher auch ein großer Schritt, dass die Nationalmannschaft 1993 überraschend die Europameisterschaft gewann. Dass dann Svetislav Pešić zu uns als Trainer kam, hatte sicher auch einen großen Anteil. Da hat jeder gesehen: Ok, da passiert etwas, da ist eine Aufwärtsbewegung!
Hat das euer Standing verbessert?
Wie gesagt, wir waren schon in gewisser Weise etabliert und konnten dann auch anfangen, Spieler zu verpflichten. Henrik Rödl war der erste Spieler, der nicht nach Leverkusen gegangen ist, sondern zu ALBA BERLIN kam. Obwohl Leverkusen damals noch bei Weitem die besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten hatte. Aber das spannende Projekt lag mehr so auf unserer Seite. Das haben wir genutzt, um gute Teams zu bauen, um die Nachwuchsarbeit zu installieren, um auch jüngere Spieler mit Perspektive zu verpflichten. Wir haben uns wirklich in rasender Geschwindigkeit entwickelt. Das hat sehr viel mit den handelnden Personen zu tun. Die ALBA Group hat uns da sehr geholfen, Dieter Hauert, Pešić als Coach, Burkhardt Prigge als Assistenztrainer, der alles gemacht hat. Am Ende sind es Personen, die sich mit einem enormen Aufwand, Know-How und vor allem mit einer Hartnäckigkeit und Hingabe ans Werk gemacht haben.
Wann hat ALBA denn das erste Mal international gespielt?
Ab 1991/92 haben wir sofort international gespielt. Das haben wir immer versucht. Es gab damals noch Hilfen vom Senat, die Isolations-Subventionen, die es für Berlin lange gab. Die West-Berliner Clubs, die in der Bundesliga spielten, haben zum Beispiel die Reisekosten vom Senat eins zu eins erstattet bekommen, damit sie überhaupt in Westdeutschland spielen konnten. Die Hilfen gab es damals noch, auch wenn die Subventionen relativ schnell abgeschafft wurden. So konnten wir das am Anfang finanzieren.
Spulen wir nach vorne zum Korać Cup 1995. Was waren die Höhepunkte dieser Saison für dich, kannst du uns da mal mitnehmen?
Wir haben das eigentlich alles zum ersten Mal, erlebt und gestaltet, richtig pioniermäßig. Ich kann mich erinnern, dass wir einen riesigen Journalisten-Tross dabeihatten, das war damals noch üblich. Morgenpost, Tagesspiegel, Spandauer Volksblatt, was es da alles gab. Da sind immer fünf bis sechs Journalisten vom SFB mitgereist, und man war drei Tage zusammen unterwegs. Man war nicht so gehetzt wie heute. Man hatte ein Spiel international unter der Woche und dann eben ein Spiel am Wochenende in der Bundesliga.
Und wie war die sportliche Lage?
Was die Leistungsfähigkeit anbelangt: Wir hatten ein Team, das über die Saison zusammengewachsen ist. So wie Niederlagen eine Zersetzungskraft entwickeln können, können Erfolge auch einen ganz stabilisierenden Faktor haben und zu ungeahnten Höhen führen. Wenn das Selbstbewusstsein da ist und man plötzlich sieht, ich als Spieler und wir als Team können eigentlich gegen alle bestehen. Wenn man daran glaubt, entsprechend arbeitet und das gewisse Talent hat. Aber das muss halt entwickelt werden und zum Vorschein kommen. Daran hat Svetislav Pešić sicher einen sehr großen Anteil, der genau da seine große Kraft und Stärke hatte, dass er praktisch alle besser machen konnte. Letztlich hat er auch ein Team geformt, das diese Qualität entwickeln konnte. Dennoch weiß ich noch, dass die Saison am seidenen Faden hing und es offen war, ob wir im Korać Cup das Viertelfinale erreichen. Ich weiß noch, dass wir nach unserem letzten Hauptrundenspiel alle im Mittelkreis der Sömmeringhalle saßen und gewartet haben, denn wir waren abhängig vom Ergebnis einer Parallelpartie. Dann kam Dieter Hauert, der im telefonischen Kontakt mit irgendjemandem stand, und hat den Daumen gehoben. Dann war es klar, dass wir uns weiter qualifiziert haben. So eng ist das im Sport manchmal. Wir hatten es gar nicht in der eigenen Hand und ein paar Wochen später hatten wir den Korać Cup in der Hand.
Ihr steht dann im Finale und spielt gegen Stefanel Mailand mit Dejan Bodiroga und anderen großen Stars. Das Hinspiel endet 87:87, dann steht das Rückspiel in Berlin an. Wie kam es zur Entscheidung, für das Endspiel aus der Sömmeringhalle in die viel größere Deutschlandhalle umzuziehen?
Erstmal war die Deutschlandhalle ja eine in die Jahre gekommene Veranstaltungshalle, die insbesondere durch das Sechs-Tage-Rennen bekannt war. Die war letztlich nicht basketballtauglich. Da hat Peter Schließer, der damals unser Vize-Präsident war, einen großen Anteil daran gehabt, dass wir es geschafft haben, in kurzer Zeit mit Hilfe des Senats die Halle so herzurichten, dass man dort auch Basketball spielen kann. Die Entscheidung war schwierig, weil wir wussten, wir geben den Heimvorteil auf. Die Sömmeringhalle, die wir heute noch lieben und vor allem durch die Frauen wieder lieben, war natürlich eng und atmosphärisch dicht – das war eine Heimhalle. Wir haben ja nicht damit gerechnet, dass die Deutschlandhalle ausverkauft ist, daher war das schon ein wagemutiger Schritt. Aber wir, das heißt Hauert, Pešić und ich, waren uns einig, dass wir das machen wollen und müssen.
Welche Erinnerungen hast du an die beiden Spiele?
Ich erinnere mich noch an das Hinspiel, das unentschieden ausging. Wir hatten einen Charterflug und auch viele Fans mitgenommen. Dann konnten wir direkt nach dem Spiel nicht zurück, weil es neblig war. Bis morgens um fünf saßen wir in irgendeiner Hotellobby rum. Anschließend sind wir in Schönefeld gelandet, weil Nachtflüge da landen durften. Peter Schließer und ich, wir sind direkt ohne eine Sekunde Schlaf in die Deutschlandhalle und haben uns angeschaut, wie weit das ist und was wir da noch machen können. Da hat das ganze Team jeden Tag zwanzig Stunden geackert, um dieses Ereignis entsprechend vorzubereiten. Dann war es natürlich schön, als das Ding nach zwei Stunden ausverkauft war. Das hätten wir uns in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt.
Was ist mit der Trabi-Erinnerung?
Die kommt jetzt: Ich musste vor dem Spiel, das abends war, von einem Ereignis zum anderen hechten und weiß noch, dass wir irgendwo in der Nähe der Deutschlandhalle ein Gespräch hatten. Ich bin anderthalb oder zwei Stunden vor Spielbeginn über den Parkplatz gelaufen, der rammelvoll war – und bestimmt 30 Prozent waren Trabis. Da sind viele Menschen gekommen, die mit Basketball überhaupt nichts zu tun hatten, neugierig waren und das mal sehen wollten. Zu der Zeit wurde man auch auf der Straße häufig angesprochen, da ging so ein Ruck durch die Stadt, und ich würde sagen auch durch die nähere Umgebung: ein Basketball-Ruck. Das war erstmalig und absolut besonders.
Wie war dann das Spiel für dich in der Halle mit 10.000 Leuten?
Weil ich in der Woche zuvor drei Stunden pro Nacht geschlafen habe, war ich eigentlich völlig fertig. Dann noch dieses Spiel, was ja auch nervenaufreibend war, und diese Sensation, die greifbar war. Wir haben auch nicht gegen irgendein Team gespielt. Mailand galt damals als Top Fünf in Europa. Daher habe ich immer wieder hochgeguckt und konnte es gar nicht glauben, wie viele Leute da sind und wie die auch mitgehen. Diepgen, Landowsky, die ganzen politischen Spitzen waren alle da. Es war ein Stadtereignis. Halb Basketball-Deutschland wollte kommen und probierte irgendwie an Tickets zu kommen. Vom Spiel selbst habe ich zwar noch einzelne Spielszenen klar vor Augen. Insgesamt erinnere ich mich aber mehr an die Atmosphäre, die Stimmung, die Anspannung und die Weitläufigkeit, die wir aus der Sömmeringhalle nicht kannten. Von der Kabine zum Spielfeld warst du ewig unterwegs und hast dich dreimal verlaufen. Das war so eine Jungfernfahrt in vielerlei Beziehungen, auch wenn du da am Ende die Trophäe in der Hand hältst.
War der Gewinn eine Initialzündung für die weitere Entwicklung des Clubs?
Absolut. Erstmal für uns, aber auch für den deutschen Basketball. Ich will da jetzt niemandem zu nahe treten, vor allem nicht Bayer Leverkusen. Aber da wurde zum ersten Mal wahrgenommen: Mensch, da geht ja richtig was. Wir wissen ja, dass wir ein Fußballland sind. Und plötzlich geht da schlagartig was los, das im Fernsehen übertragen wird, womit überhaupt niemand gerechnet hat. Das hat nicht nur uns, sondern auch Basketball auf die sportliche Landkarte gesetzt, ohne das jetzt übertreiben zu wollen. Für unseren Club selbst war es ein ganz wichtiger Pfeiler und die Erkenntnis: Dieser enorme Aufwand, diese Energieleistung, die alle bei uns gebracht haben, das wird belohnt. Es ist wichtig, dass man dranbleibt. Wir haben uns nicht zurückgelehnt, sondern haben das, was möglich war, als Rückenwind und Antrieb genutzt und das Haus weitergebaut.
Das eine Wort, das immer mitschwingt, ist Pioniergeist. Den merkt man bis heute. Jetzt revolutioniert ALBA zum Beispiel die Nachwuchsarbeit. Ist das etwas, was dir am wichtigsten war in all den Jahren als Geschäftsführer?
Absolut. Wir sind immer in einer Umgebung, wir sind nie allein. Wir sind immer abhängig davon, wie sich der Sport insgesamt und wie sich der Basketball entwickelt, wie die Wirtschaft läuft, was in unserer Stadt passiert. Es hat am Ende nicht nur mit guten Ideen, sondern auch mit Hartnäckigkeit zu tun. Menschen wie Henning Harnisch, der das im Jugendbereich stark eingebracht hat. Ideen, die vielleicht auch mal unkonventionell sind und mit denen man aneckt, bei denen Leute einem den Vogel zeigen, die vielleicht auch falsch sind und wieder kassiert werden. Aber diese lebendige Kultur und diesen Gedanken, nicht alles als gegeben hinzunehmen, sondern auch zu schauen, wie man die Grenzen verschieben kann, das finde ich extrem wichtig und das macht uns auch Freude. Es ist zwar anstrengend und fordert relativ viel, aber wenn man dann Veränderungen herbeiführen kann und sieht, dass es fruchtet – nicht nur für einen selbst, sondern für das gesamte Ökosystem – dann ist das sehr erfüllend.









