
Matt Thomas hat gemeinsam mit den anderen Albatrossen die erste Woche des Teamtrainings absolviert. Noch befindet sich das Team in der Findungsphase und auch der US-amerikanische Neuzugang muss sich an die neue Umgebung gewöhnen. Wir haben den 29-Jährigen getroffen, um seinen Werdegang und die ersten Tage in Berlin Revue passieren zu lassen und einen Ausblick auf die nächste Saison zu wagen. Im Interview spricht er über seinen Weg zu ALBA, die Unterschiede zwischen NBA und EuroLeague und warum er den Spitznamen Mr. 99% bekommen hat.

Matt, du hast jetzt schon einige Trainingseinheiten bei ALBA hinter dir. Wie waren deine ersten Tage in Berlin?
Die ersten Tage waren gut! Alle haben mich hier sofort willkommen geheißen. Ich habe schon bei einigen Teams gespielt und es ist jedes Mal eine große Herausforderung, in eine unbekannte Stadt zu ziehen, sich an ein anderes Land und an viele neue Leute zu gewöhnen. Ich habe mich hier aber schnell eingelebt und meine ersten Eindrücke sind durchweg positiv.
Nimm uns doch einmal mit durch deine Karriere von Beginn an.
Zuerst habe ich vier Jahre lang das Iowa State College besucht. Mein erstes Profiteam war Monbus Obradoiro im spanischen Santiago de Compostelo. Dort habe ich ein Jahr gespielt, bevor ich nach Valencia gewechselt bin. Dann habe ich es in die NBA geschafft und bei den Toronto Raptors unterschrieben. Während meiner zweiten Saison wurde ich zu den Utah Jazz getradet, wo ich bis zum Ende der Saison aktiv war. Mein drittes NBA-Jahr habe ich bei den Chicago Bulls verbracht. Die vergangene Saison war dann etwas seltsam für mich: Bis in den Januar hinein habe ich darauf gewartet, dass sich etwas in der NBA Free Agency ergibt. An diesem Punkt habe ich dann beschlossen, zurück nach Europa zu kommen. Am Ende habe ich bei Panathinaikos Athen einen Vertrag bis zum Ende der vergangenen Spielzeit unterschrieben. Wegen der Importspielerregelung in Griechenland habe ich dort aber nur zehn Partien gespielt. Und jetzt bin ich hier! Ich habe also schon viel gesehen, durfte Teil von sehr guten Teams sein, andere Länder sehen und tolle Menschen kennenlernen. Dafür bin ich sehr dankbar, und jetzt freue ich mich, hier in Berlin sein zu dürfen.
Du hast gerade zuerst deine College-Karriere erwähnt, deine liebste Basketballerinnerung stammt aber aus deiner Highschool-Zeit. Kannst du dazu etwas mehr erzählen?
Die Highschool-Zeit war für mich sehr besonders. In der vierten Klasse habe ich begonnen, Teambasketball zu spielen. Meine Mitspieler waren gleichzeitig meine Kindheitsfreunde. Wir sind damals jedes Jahr nach Madison gefahren, wo die State Championships ausgetragen werden. Unser Traum war es immer, dort einmal im Finale zu stehen. In meinem Junior Year haben wir es dann geschafft und sogar den Titel gewonnen! Deswegen ist diese Erinnerung für mich so einzigartig. Die Freundschaften und die Verbindung, die wir auf und neben dem Court hatten, habe ich in meiner Profikarriere so nicht mehr erlebt. Das liegt auch daran, dass ich abgesehen von meiner Zeit am College nie richtig lang bei einem Team war. Ich hatte also bisher keine Chance, eine solch enge Connection mit meinen Teammates aufzubauen.
Lass uns auf einen Teil deiner Karriere zurückblicken, der für ALBA-Fans nur schwer zu verdauen war: das EuroCup-Finale 2019.
Es war fantastisch! Mein Jahr in Valencia war insgesamt eine tolle Erfahrung. Mit einigen Mitspielern von damals habe ich immer noch Kontakt. Für mich war es das erste Mal, dass ich in einem internationalen Wettbewerb gespielt habe. Auch wenn der EuroCup nicht auf einem Level mit der EuroLeague ist, war das Leistungsniveau damals sehr hoch. Starke Teams wie ALBA, ASVEL, Roter Stern und Partizan Belgrad haben um den Titel gekämpft. Das Finale gegen Berlin war sehr ausgeglichen. Ich kann mich immer noch gut an das zweite Spiel in Berlin erinnern, in dem wir die Chance hatten, den Titel zu holen. ALBA hat uns allerdings geschlagen und wir sind anschließend sehr schlecht in die entscheidende dritte Partie gestartet. Am Ende konnten wir das Spiel aber drehen und den Titel gewinnen. Der Jubel mit dem Team und den Fans ist einer der Gründe, warum ich Basketball spiele. Und ich freue mich darauf, auch in dieser Saison wieder die Chance auf Erfolge zu haben.
Wie war damals dein Eindruck von der Atmosphäre hier in Berlin?
Die Mercedes-Benz Arena ist natürlich ein toller Spielort. Die ALBA-Fans sind mir als sehr leidenschaftlich in Erinnerung geblieben. Jetzt wo ich hier bin, kann ich es kaum erwarten vor dieser Kulisse zu spielen.
Kannst du deinen Spitznamen Mr. 99% erklären?Bekommen habe ich ihn nach meinem Jahr in Valencia. Um ehrlich zu sein, ist es schwer zu erklären. Meine effective fieldgoal percentage bei offenen Dreiern in der erwähnten Spielzeit war 99 Prozent. Das heißt aber nicht, dass ich fast jeden meiner Würfe getroffen habe. Bei dieser Statistik geht es darum zu zeigen, welche Quote jemand aus dem Zweierbereich erzielen müsste, um genau so viele Punkte zu erzielen wie ich mit meiner Dreierquote.
Nach deiner Zeit in Spanien hast du es in die NBA geschafft. Was sind deine Highlights aus 120 Partien mit den Raptors, Jazz und Bulls?
Viele meiner besten Momente stammen aus meiner Zeit mit den Toronto Raptors. Es war immer mein Traum, in die NBA zu kommen. Mein Weg dorthin war alles andere als normal. Ich wurde nicht gedraftet, habe zwei Jahre lang in Spanien gespielt und dann erst einen Vertrag in der NBA unterschrieben. Deswegen war es ein besonderer Moment in meinem Leben – genauso für meine Familie und alle, die mich auf dem Weg dorthin unterstützt haben. Dazu kommen etliche Heimspiele in Toronto, die sehr viel Spaß gemacht haben. Die dortige Fanbase ist sehr stark. Ich bin in der Saison nach dem Titelgewinn in die Stadt gekommen, deswegen war die Stimmung sehr aufgeladen und energetisch. Es war eine wirklich tolle Spielzeit. Die nächste Saison wurde leider durch Covid unterbrochen, danach war es natürlich nicht mehr dasselbe. Es war für alle eine merkwürdige Zeit.
Als jemand, der sowohl in der NBA als auch in der EuroLeague gespielt hat: Was sind die größten Unterschiede?Natürlich hängt es auch immer vom Coach ab, aber generell kann man sagen, dass der Spielstil in Europa meist taktischer geprägt ist. Natürlich gibt es auch leichte Unterschiede, was die Regeln angeht. Die defensive Drei-Sekunden-Regel gibt es hier beispielsweise nicht. Das macht es deutlich schwieriger, in die Zone zu ziehen. Dazu ist auch die Dreierlinie in der NBA weiter weg vom Korb, was das Feld breiter macht. Abseits des Spielfelds verfügt die EuroLeague nicht über so viele finanzielle Ressourcen wie die NBA, das merkt man bei den Reisen oder der Unterbringung. Insgesamt sind beide Ligen aber auf einem sehr hohen spielerischen Niveau. Durch die schiere Anzahl an Spielen oder das Draft-System kommt es in der NBA aber zu Situationen, in denen Teams nicht unbedingt gewinnen wollen. Für die Mannschaften in der EuroLeague zählt jede der 34 Partien – unabhängig von der Tabellensituation. Wenn man nur den kompetitiven Aspekt nimmt, mag ich die EuroLeague mehr.

Was möchtest du mit ALBA erreichen?
Ich setze mir lieber kleine Ziele als große für die gesamte Saison. Als Team werden wir unsere Ziele im Laufe der Spielzeit erreichen, wenn wir uns jeden Tag aufs Neue voll reinhängen. Das fängt damit an, professionell zu sein, früh zum Training zu kommen und gut zu trainieren. So etwas überträgt sich dann auch ins Spiel – nur so können wir erfolgreich sein. Für mich persönlich bietet ALBA die Chance, eine größere Rolle in einem EuroLeague-Team zu spielen und mich in der Liga zu etablieren. Es wird meine erste volle EuroLeague-Saison werden – darauf freue ich mich sehr! Wir haben ein tolles Team, der Spiel- und Coachingstil passt zu meinem Stärken. Für uns als Mannschaft ist das Ziel, so viel wie möglich zu gewinnen und immer alles zu geben. Das gilt sowohl für die EuroLeague als auch für die BBL. Am Ende ist der Traum, einen Titel zu gewinnen.
Panathinaikos hat dich vor allem als Shooter eingesetzt. Möchtest du deine größere Rolle hier nutzen, um zu zeigen, dass du noch mehr im Repertoire hast?
Auf jeden Fall, aber ich bin mir auch bewusst, dass meine größte Stärke nun mal das Shotmaking ist. Das wird immer der Kern meines Spiels bleiben, denn mein Wurf ist der Grund, warum ich auf einem hohen Niveau spiele. Gleichzeitig kann ich aber auch andere Dinge mit dem Ball in meiner Hand tun – für andere kreieren und den Ball verteilen zum Beispiel. Ich kann definitiv mehr als nur in der Ecke zu stehen und auf den offenen Wurf zu warten. Am besten bin ich, wenn ich nicht nur das Spielfeld auseinanderziehen soll, sondern mich außerdem viel abseits des Balles bewege. Ich glaube, dass mein Spiel perfekt zum ALBA-System passt, deswegen freue ich mich sehr darauf, unter Coach González zu spielen.
Kannst du uns ein wenig über deine deutschen Wurzeln erzählen?
Klar, auch wenn ich nicht viel darüber weiß. Der Name Thomas stammt aus dem deutschen, genauso wie Kolb, was der Mädchenname meiner Mutter ist.
Du bist jetzt schon eine Woche hier, was hast du schon von Berlin gesehen?
Noch nicht viel, um ehrlich zu sein. Bisher habe ich erst einige Spaziergänge in Mitte gemacht, um die Gegend besser kennenzulernen. Als Neuankömmling gibt es so viele Dinge, die ich erledigen musste, sodass ich bisher noch kein Sightseeing machen konnte. Umso mehr freue ich mich auf die nächsten Wochen, denn ich habe bisher nur tolle Dinge über Berlin gehört.
Was sind deine Hobbies abgesehen vom Basketball?
Abseits vom Basketball bin ich ein einfacher Typ. Ich liebe das Spiel so sehr, also dreht sich mein ganzes Leben um den Sport. Gleichzeitig sind mir Familie und Freunde sehr wichtig. Ich mag es, Filme zu schauen und gehe gern essen. Egal in welcher Stadt ich bin, will ich vor allem in die Kultur eintauchen. Dabei ist es egal, ob das bedeutet ein Museum zu besuchen oder sich einfach in der Stadt zu bewegen. Generell probiere ich einfach, möglichst viel Zeit draußen zu verbringen und das Leben zu genießen.
