„Spiritus Sanus durch Sportpsychologie bei ALBA BERLIN“ – so nennt sich das im deutschen Basketball einzigartige sportpsychologische Programm des Klubs. Renate Eichenberger und ihr Team helfen bei der Persönlichkeitsentwicklung sowie der Leistungsförderung und sind deshalb für alle im Verein da, die sich gerne unterstützen lassen wollen. Ein preisgekröntes Projekt: Gerade erst gab es dafür den VBG_Next Präventionspreis.

Text: Leonard Brandbeck / Fotos: Jan Buchholz

Der Klassiker ist natürlich immer noch der Freiwurf. Die Geschichten über die Trainingschamps, die in der Geborgenheit der Übungshalle einen Versuch nach dem anderen versenken, aber ein Zitterhändchen bekommen, sobald sie dann auch im Spiel zur Linie treten müssen – sie sind häufig erzählt worden. Auch Renate Eichenberger kennt das Phänomen: „Da kommt der Pfiff, auf einmal gibt es Zuschauer, auf einmal ist da Druck – und dann versagen die Nerven.“ So hat es die 47-Jährige schon oft erlebt. „Das liegt aber nicht am technischen Können des Spielers“, betont sie, „sondern daran, dass ihn da draußen etwas unter Druck setzt und er deshalb seine Routine nicht abrufen kann.“

Renate Eichenberger weiß, wovon sie spricht: Seit bald fünf Jahren ist die gebürtige Genferin bei ALBA BERLIN als Sportpsychologin tätig. Sie betreut nicht nur die Männer-Profis sowie die ProB-, NBBL- und JBBL-Spieler, sondern hat mit ALBA in den vergangenen Jahren ein im deutschen Basketball einzigartiges sportpsychologisches Programm aufgebaut. Das bleibt nicht unbemerkt: Gerade erst wurde das Programm für seine wirkungsvolle Förderung der psychischen Stabilität und Gesundheit von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft mit dem VBG_NEXT Präventionspreis ausgezeichnet.

Reife und reflektierte Persönlichkeiten

„Ganz vieles, das mit unserem Körper verbunden ist, beginnt im Kopf“, sagt Eichenberger. Das gilt im Spiel wie im Training wie in anderen Lebensbereichen. Deshalb kommt es auf einen gesunden Geist an, so wie es auch das Schullatein im Programmtitel „Spiritus Sanus durch Sportpsychologie bei ALBA BERLIN“ verrät. „Mir ist wichtig, dass die Sportler*innen lernen, mir zu beschreiben, was denn mit ihnen passiert, welche Gedanken und Gefühle sie haben, und dass sie sich durch diese eigene Reflexion weiterentwickeln“, beschreibt ALBAs Sportpsychologin ihren Ansatz. Das kann dabei helfen herauszufinden, warum in einem Spiel der Freiwurf nicht mehr fallen will. Oder den eigenen Umgang mit Herausforderungen während einer Partie verbessern. Eichenberger geht es jedoch nicht um bloße Leistungsoptimierung, sondern um etwas noch viel Grundsätzlicheres: die Entwicklung reifer und reflektierter Persönlichkeiten.

Das hängt wiederum mit dem besonderen Überbau und den Ideen des Klubs zusammen. Denn Sportpsychologie bei ALBA BERLIN, das ist kein exklusives Eliteprogramm für die absolute Leistungsspitze, sondern ein Angebot für alle, über die gesamte Breite des Vereins hinweg. „Es geht eben nicht darum, Sportpsychologie nur für den Spitzensportler zu machen, sondern für alle zu ermöglichen, die das möchten“, erklärt Eichenberger. „Ich weiß nie, ob ein Sportler später auch einmal Profi wird. Aber die Persönlichkeit zu entwickeln, das hilft der Person so oder so in ihrem Leben.“

Als Eichenberger im Frühjahr 2016 ALBA kontaktierte, um neben ihrem Masterstudium der Sportpsychologie an der Business School Berlin praktische Erfahrung zu sammeln, passte das perfekt: Der Klub hatte schon vor einiger Zeit den Entschluss gefasst, die Sportpsychologie stärker ins Programm zu integrieren. „Es war bei mir vom ersten Moment an das Gefühl da: Ja, das wollen hier alle unbedingt“, erinnert sich Eichenberger. Sie übernahm zunächst das Frauenteam und machte sich bald daran, gemeinsam mit dem Klub ein größeres Konzept zu ersinnen: ein Konzept, das den ganzen Verein sieht und mitnimmt.

Sportpsychologie für alle

Mittlerweile deckt das Programm alle Leistungsteams bei ALBA ab, von der U14 bis zu den Profis, Vereins- wie Kooperationsteams, weiblich wie männlich. Alle Spieler*innen und Trainer*innen können sich einzeln coachen lassen. Den Jugendcoaches werden regelmäßige Selbstreflexionen in der Gruppe angeboten. Auch Teams aus dem Freizeitbereich erhalten auf Wunsch Unterstützung. Und Konzepte für Referees, Tryouts und Schulen sind längst in Arbeit – das Programm wächst.

Möglich ist das durch ALBAs Kooperation mit der Business School Berlin, an der Renate Eichenberger inzwischen auch als Dozentin tätig ist. Aktuell sind gleich 14 Studierende der Hochschule an ALBAs sportpsychologischem Programm beteiligt. Mit Elisa Lierhaus als Betreuerin des Frauenteams kommt eine zusätzliche bereits ausgebildete Kraft hinzu. Regelmäßig besuchen sie Trainingseinheiten ihrer jeweiligen Teams, sind bei den Spielen dabei und stehen zudem für Einzelgespräche zur Verfügung. „Heute kommen Coaches schon am Ende der auslaufenden Saison auf mich zu und fragen: Krieg ich denn in der nächsten Saison wieder jemanden?“, erzählt Eichenberger und freut sich: „Das ist das Schönste, was passieren kann, weil ich daran merke, dass die Leistung des ganzen Teams gesehen und geschätzt wird.“ JBBL-Trainer Norbert Opitz bestätigt das: „Ich kann mir meine Arbeit ohne diese Möglichkeiten gar nicht mehr vorstellen, weil es auf so vielen Ebenen hilft“, sagt er. „Durch Zuhören, durch Gedanken von außen, den Blickwechsel.“

Spieler*innen und Menschen

In diesem Jahr wird Renate Eichenberger ein Buch veröffentlichen. „Blind-Date Sportpsychologie“ soll es heißen und dabei auch mit ein paar Mythen aufräumen: „Ich brauche eine Couch; ich gehe da nur hin, wenn ich Probleme habe oder krank bin – das ist alles Quatsch“, erklärt sie. „Die Sportpsychologie ist dazu da, zu unterstützen, zu entwickeln – oder sei es, um einfach mal jemanden zum Reden zu haben.“

Bei ALBA ist das längst eine Selbstverständlichkeit. Auch bei den Profis. „Es ist eine gute Sache, dass da jemand ist, der den Jungs helfen kann, wenn sie psychologische Betreuung brauchen“, sagt Assistenzcoach Sebastian Trzcionka. Auf etwa 30 Prozent beziffert Eichenberger den Anteil sportlicher Belange all ihrer Gespräche. Darüber führt sie eine fein säuberliche Statistik. Der Rest betrifft Themen abseits des Parketts. Dann geht es um Alltagsbewältigung, um Sorgen in Schule und Studium, um Beziehungen. „Ich habe dadurch verstanden, wie wichtig meine psychologische Herangehensweise ist – nicht nur im Basketball, sondern überhaupt im Leben“, sagt ALBAs Teamleader Luke Sikma. „Renate kümmert sich nicht nur um uns als Spieler, sondern auch um uns als Menschen.“