
Seit März ist Pedro Calles Headcoach von ALBA BERLIN – mitten in einer schwierigen Saison und ohne Vorbereitung. Im Interview spricht er über die Herausforderungen seines Wechsels, den taktischen Reiz von Playoff-Serien, die Stärken von Gegner Ulm und warum für ihn der Teamgedanke über allem steht. (Fotos: Tilo Wiedensohler und Jan Buchholz)
Pedro, wie steht es um deine Schach-Skills?
Schach? Ich bin kein besonders guter Schachspieler, um ehrlich zu sein.
Oft wird ja eine Playoff-Serie mit einer Schachpartie verglichen. Ein Team macht den ersten Zug, das andere reagiert –wie sehr genießt du als Headcoach diesen taktischen Schlagabtausch?
Es ist definitiv eine Challenge, aber ich genieße diese Herausforderung. Am Ende des Tages sind die Spieler auf dem Feld das Wichtigste. Man darf nicht vergessen: Die Spieler gewinnen die Spiele, sie sind die Hauptdarsteller in diesem Film. Aber natürlich ist es unsere Aufgabe als Coaches, sie in die beste Position zu bringen, damit sie den besten Basketball spielen können. Und in einer Playoff-Serie geht es natürlich auch darum, die Stärken des Gegners wegzunehmen.
In den Playoffs steigen der Druck und die Intensität. Ändert sich dadurch etwas für dich persönlich?
Ja, die Zeit, die du in die Analyse des Gegners investierst, steigt deutlich, weil du sicher weißt, dass du mindestens drei Spiele gegen denselben Gegner bestreitest. Die Menge an Informationen und Spielsituationen, die du besprichst, ist einfach größer.
Du bist erst seit Mitte März Headcoach. Was waren für dich die größten Herausforderungen beim Wechsel vom Assistenztrainer zum Headcoach mitten in der Saison?
Ich würde sagen zwei Dinge. Erstens: Der sofortige Wechsel von einer unterstützenden Rolle als Assistant Coach in eine führende Position – quasi über Nacht – in einem Team, das ich erst im Januar kennengelernt habe. Ich war also nicht der Assistenztrainer, der die Mannschaft seit Jahren kennt oder zumindest seit der Vorbereitung dabei war. Zweitens: Aufgrund unseres Spielplans gab es viel mehr Spiele als Trainingseinheiten. Oft hatten wir nur eine Trainingseinheit zwischen zwei Spielen oder kamen direkt aus einem EuroLeague-Spiel in ein anderes Match – manchmal sogar ohne Training. Diese beiden Punkte waren die größten Herausforderungen.
Wo hast du nach deinem Amtsantritt den dringendsten Handlungsbedarf gesehen?
Vielleicht darin, die Rollen der Spieler klarer zu definieren. Bei so einem tief besetzten Kader, einer langen Saison, vielen Spielen und Verletzungen gerät die Hierarchie manchmal etwas durcheinander. Das war ein Punkt, auf den ich mich konzentrieren wollte. Als neuer Coach will man natürlich auch jedem Spieler die Chance geben, zu zeigen, was er kann. Auch das war eine Herausforderung. Trotz allem war der größte Pluspunkt, wie die Spieler mit der Veränderung umgegangen sind. Sie haben die Situation sehr positiv angenommen – und am Ende haben wir gemeinsam unser Ziel in der regulären Saison erreicht.
Du verbringst nach Trainingseinheiten oft noch viel Zeit mit deinen Spielern und führst lange Gespräche. Wie wichtig ist dir dieser persönliche Draht?
Für mich geht es vor allem darum, eine enge Verbindung herzustellen. Mit manchen Spielern entwickelt sich daraus auch eine persönliche Ebene, aber wichtig ist mir, dass es zwischen allen Spielern und Coaches diese Verbindung gibt. Darauf lege ich Wert.
Lange sah es so aus, als könnte ALBA zum ersten Mal in der Clubhistorie die Playoffs verpassen. Wie bist du mit diesem Druck umgegangen?
Wir haben versucht, nicht allzu sehr darüber nachzudenken. Wir haben uns auf jeden einzelnen Tag konzentriert. Meiner Meinung nach war das der beste Ansatz. Nicht zu weit vorauszuschauen und den Druck von außen nicht zu sehr an uns heranzulassen – das war unsere Herangehensweise. Der Fokus lag darauf, jeden Tag ein Stück besser zu werden. Aber in einem Club wie ALBA, mit dieser Geschichte, bedeutet größerer Druck auch, dass man einen besseren Job machen muss.
Ihr habt acht der letzten neun Spiele gewonnen. Was waren die Hauptgründe für diese neue Stabilität?
Wir waren sehr konsequent in unseren Prioritäten: Wir wollten in erster Linie unsere defensiven Gewohnheiten verbessern und uns dann auf die Qualität, das Spielverständnis und das Talent unserer Spieler in der Offensive verlassen. Das war unsere Linie.
Mit welchem Gefühl gehst du in die Playoff-Serie gegen Ulm?
Es wird extrem schwer. Du hast erwähnt, dass wir acht der letzten neun Spiele gewonnen haben – das hat uns in die Playoffs gebracht, aber das allein wird nicht reichen, um Ulm zu schlagen. Wir sprechen hier von einem anderen Niveau und einer anderen Art der Intensität – mit allem Respekt gegenüber unseren bisherigen Gegnern. Aber das sind die Playoffs!
Ohne ihren NBA-Trip hätte Ulm die Hauptrunde vielleicht sogar als Erster beendet. Sind sie für dich der klare Favorit in der Serie?
Für mich waren sie das beste Team der regulären Saison, auch wenn sie am Ende auf dem zweiten Platz gelandet sind. Aber wir gehen mit der Mentalität in die Serie, dass wir es schaffen können. Wir wissen, es wird extrem schwer, und wir müssen uns in Demut üben – schließlich sind sie Zweiter und wir Siebter geworden.
Wie ist deine Zusammenarbeit mit den Assistant Coaches? Wie bereitet ihr euch gemeinsam auf Ulm vor?
Mein Verhältnis zu den Assistenztrainern ist großartig. Es war sicher nicht leicht für sie, als ich im Januar ein neuer Assistant Coach in einer schwierigen Situation dazukam. Aber vom ersten Tag an haben sie mich super unterstützt – erst in meiner Position als Assistent und dann, als ich im März Headcoach wurde. Coach Trzcionka und Coach Thomas machen einen fantastischen Job, insbesondere jetzt in der Vorbereitung und beim Scouting. Wir stecken mitten in den Vorbereitungen, arbeiten jeden Tag eine Menge und geben zusammen alles.
Welcher ALBA-Spieler könnte gegen Ulm zum X-Faktor werden?
Jeder unserer Spieler kann an jedem Abend zum X-Faktor werden. Der X-Faktor ist das Team. Wir wollen keine Superhelden, sondern eine Supermannschaft.
Wo siehst du das Schlüsselduell der Serie – eher im Frontcourt oder Backcourt?
Ich glaube, in jeder Playoff-Serie – und besonders in dieser – sind die Matchups extrem wichtig. Vor allem müssen wir ihrer Physis und Intensität standhalten und uns darauf einstellen, wie die Schiedsrichter das Spiel pfeifen. Lassen sie viel Körperkontakt zu, müssen wir uns an diese Physis anpassen.
Zum Schluss: Was ist deine Botschaft an die Fans vor dem Heimspiel am Mittwoch?
Ich habe als Gegner hier gespielt und die Atmosphäre in der Arena war immer großartig, besonders in den Playoffs. Seit 35 Jahren spielt dieser Club Playoffs – ich freue mich sehr, das jetzt als Teil der ALBA-Familie zu erleben. Die Fans werden alles geben – und wir auch.


