
Deutschland ist Welt- und Europameister – aber wie überträgt sich diese Stärke auch auf den internationalen Club-Basketball? Anlässlich der ALBA-Pressekonferenz zur Saison 2025/26 an diesem Freitag sprechen Präsident Dr. Axel Schweitzer und Geschäftsführer Marco Baldi im Interview über die Lage im europäischen Basketball, wie ALBA die Entwicklung mitgestalten will – und warum dabei klare Strukturen und wirtschaftliche Nachhaltigkeit im Mittelpunkt stehen.
Fotos: Tilo Wiedensohler
Herr Dr. Schweitzer, Deutschland ist Welt- und Europameister im Basketball. Wie klingt das?
Dr. Axel Schweitzer: Das klingt nicht nur fantastisch, es ist auch ein Meilenstein. Der Weltmeistertitel vor zwei Jahren hat sich noch wie ein unwirklicher Traum angefühlt. Seitdem ist das olympische Halbfinale dazugekommen und jetzt noch EM-Gold. Man kann also ganz klar sagen: Wir sind jetzt endgültig Teil der Weltspitze. Dieses Team hat mit seiner riesigen Spielfreude im ganzen Land die Herzen erobert – und mittendrin waren Franz Wagner, Maodo Lô, Johannes Thiemann und Coach Alan Ibrahimagic, unsere Berliner Jungs.
Herr Baldi, Sie sind seit Jahrzehnten im Geschäft und haben in dieser Zeit all die Aufs und Abs des deutschen Basketballs miterlebt. War diese Entwicklung abzusehen?
Marco Baldi: Man wird nicht Welt- und Europameister, ohne dass über viele Jahre herausragende Vorarbeit geleistet wurde. Die jüngsten Titel sind kein Zufall, sondern das Ergebnis systematischer Entwicklung: U19-Vizeweltmeister, U18-Europameister – solche Erfolge ziehen sich durch die Altersklassen, im männlichen und weiblichen Bereich. Im deutschen Basketball haben wir in den letzten Jahren eine breite Basis geschaffen, die kontinuierlich Talente hervorbringt und bis in die Nationalteams hineinwirkt. Das reicht von der Arbeit in Schulen und Vereinen bis hin zur Professionalisierung im Leistungsbereich. Und man kann da mit aller Bescheidenheit sagen, dass ALBA ein starker Motor für diese Entwicklung ist.

Sportlich steht Basketball-Deutschland hervorragend da. Was braucht es, damit sich diese Stärke auch auf den internationalen Club-Basketball übertragen kann?
Marco Baldi: Da ist die Lage komplizierter. Auf Nationalmannschaftsebene haben wir klare Strukturen, bei den Clubwettbewerben dagegen herrscht ein Nebeneinander. Wenn man die Entwicklung historisch betrachtet, wird vieles klar: Lange Zeit hat die FIBA als Weltverband den europäischen Club-Basketball organisiert. Das war nicht optimal, aber es gab eine Struktur mit sportlichen Kriterien zur Qualifikation für alle Teams.
Vor 25 Jahren kam es dann zur Spaltung.
Marco Baldi: Die Clubs wollten damals verständlicherweise mehr Verantwortung und Selbstbestimmung, also haben sie die EuroLeague gegründet. Das lief auch nicht ganz friedlich ab, ging aber erst mal gut, weil FIBA und EuroLeague lange Zeit kooperiert haben. Die jeweiligen Interessen sind allerdings immer weiter auseinandergegangen, und die Kooperation wurde aufgekündigt. Seitdem gibt es parallel verschiedene Wettbewerbe – EuroLeague, Champions League, EuroCup, Europe Cup – ohne klare Hierarchie, ohne Abstimmung. Für die Fans ist das verwirrend, für die Clubs unsicher, für die Vermarktung und Popularisierung ein großes Problem. Es fehlt ein gemeinsames Dach, eine klare Orientierung, durch die der europäische Club-Basketball wachsen kann.
Dr. Axel Schweitzer: Genau hier liegt das Problem: Die EuroLeague ist ein Modell, das auf Dauer nicht trägt. Nur wenige Vereine bestimmen, wer dabei sein darf, alle anderen bleiben außen vor. Das mag für diese Clubs kurzfristig attraktiv sein, aber es ist nicht nachhaltig. Man sieht das auch an den Zahlen: Die EuroLeague-Teams machen jährlich zusammen rund 200 Millionen Euro Verlust. Gleichzeitig verlangen sie von wirtschaftlich schwächeren Clubs horrende Eintrittsgelder, die sie dann unter sich aufteilen. Das ist kein tragfähiges Geschäftsmodell.

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks entsteht gerade Druck für den europäischen Club-Basketball. Täuscht der Eindruck?
Dr. Axel Schweitzer: Nein, der täuscht ganz und gar nicht. Das System ist komplett durcheinandergewirbelt worden. Am College verdienen junge Spieler durch die Umverteilung der Einnahmen inzwischen Millionensummen, lange bevor sie sich in einer Topliga bewiesen haben. Auch in der G-League, der Entwicklungsliga der NBA, sind die Gehälter stark gestiegen. Unsere besten Talente werden dadurch sehr früh in die USA gelockt. Spieler, die wir selbst ausgebildet haben, können wir kaum noch halten. Das erschwert die Entwicklung zusätzlich.
Was bedeutet das für ALBA?
Dr. Axel Schweitzer: Dieser neue Status Quo hat uns bewogen, unsere Ausrichtung zu justieren. Denn ALBA steht für nachhaltiges Wirtschaften, Kontinuität und Tradition. Werte, die wir nicht für kurzfristigen Erfolg opfern. Wir sind überzeugt: Die Zukunft des europäischen Basketballs muss eine andere sein. So wie es heute ist, kann es nicht bleiben. Das Basketball-Ökosystem muss sich hin zu mehr wirtschaftlicher Nachhaltigkeit und Financial Fairplay entwickeln. Wann das genau kommt, ist offen. Aber wir glauben fest, dass es bald so weit sein wird – und wir werden alles daransetzen, diese Zukunft mitzugestalten.
Marco Baldi: Deshalb haben wir uns der Champions League der FIBA angeschlossen. Das hat für großes Aufsehen in Basketball-Europa gesorgt, denn es wird klar, dass ein Umbruch ansteht. Es ist bekannt, dass die FIBA gemeinsam mit der NBA den europäischen Club-Basketball neu aufstellen will – und wenn es losgeht, wollen wir unbedingt Teil davon sein. Wir glauben fest daran, dass daraus die stärkste europäische Liga und eine klare Ordnung der Wettbewerbe hervorgehen wird. Noch gibt es viele offene Fragen, aber wir sind überzeugt, dass eine Struktur entstehen wird, die gesund, fair und zukunftsfähig ist.

An welcher Stelle steht der Prozess mit NBA und FIBA?
Marco Baldi: Der Prozess ist im Gange, auch wenn vieles noch im Hintergrund laufen muss. Wir befinden uns in der Phase, in der die Basis geschaffen wird. Für uns ist klar: Die EuroLeague hat in den letzten Jahren jede Strategie aufgegeben, das ist eigentlich kein gesundes Umfeld mehr für Clubs, die dauerhaft etwas aufbauen wollen. Mit der FIBA und der NBA sehen wir dagegen die Chance, ein stabiles Fundament für Wachstum zu schaffen – für Breite und Spitze. Die NBA hat gezeigt, wie man eine Liga zu einem globalen Spitzenprodukt entwickeln kann. Zusammen mit der FIBA, die auf Offenheit und sportliche Qualifikation setzt, kann daraus ein Modell entstehen, das den europäischen Basketball wirklich voranbringt.
Was bringt ALBA dafür mit?
Dr. Axel Schweitzer: Zum einen natürlich das Marktpotenzial. Berlin ist Hauptstadt einer der größten Volkswirtschaften der Welt, eine vielfältige Metropole mit enormen Wachstumschancen. Wir haben Basketball hier in die Breite getragen und über 35 Jahre eine Community aufgebaut, die uns stützt. Wer hierher schaut, sieht, dass wir Strukturen aufbauen, Menschen begeistern und Basketball in unserer Umgebung und auch in unserem Land auf ein hohes Niveau bringen können. Berlin ist die Basketball-Hauptstadt des Welt- und Europameisters. Deshalb trauen wir uns den Schritt zu.
Was braucht es, damit ALBA das künftige Ökosystem aktiv mitgestalten kann?
Marco Baldi: Infrastruktur. Wir benötigen einen Ort, an dem wir unsere Arbeit bündeln und weiterentwickeln können. Da geht es nicht nur um den Profisport, sondern um die ganze Breite unseres Clubs: den Jugend- und Vereinssport, die Bildungsprogramme, die sozialen Initiativen. Erst aus dem Zusammenwirken all dieser Bereiche wächst die Kraft unseres Vereins. Dafür wollen wir einen Campus schaffen, der auch offen ist für andere. Und natürlich brauchen wir auch eine Arena, die uns nicht wirtschaftlich belastet, sondern uns trägt. Ohne diese Infrastruktur werden wir unsere Position nicht halten können. Dafür benötigen wir auch die Unterstützung der Stadt. Wenn Berlin eine zentrale Rolle im internationalen Basketball spielen will – und die Chance ist da –, dann ist jetzt der Zeitpunkt, das zu zeigen.
Wenn Sie zehn Jahre nach vorn schauen: Wo soll ALBA dann stehen?
Dr. Axel Schweitzer: Ich wünsche mir, dass wir Teil einer Liga sind, die Basketball in Europa neu definiert, und dass wir dabei zeigen, was mit nachhaltiger Arbeit, Werten und Professionalität möglich ist.
Marco Baldi: Und ich wünsche mir, dass wir in der stärksten europäischen Liga und einem tollen Umfeld große, inspirierende Basketballabende erleben. Dass unser Frauenprogramm sich weiter so stark entwickelt und wir auch da in den höchsten Sphären agieren. Und dass uns unser Spirit weiter trägt: ALBA war schon auf vielen Feldern Vorreiter – und wir wollen es auch in der nächsten Phase des europäischen Basketballs sein.