28.15 – das Basketball Museum von ALBA BERLIN: Unter diesem Titel macht sich Deutschlands bekanntester Basketballclub auf den Weg, einen neuen Ort zu schaffen, an dem die Geschichte des Berliner Basketballs (und darüber hinaus) sichtbar und lebendig wird. Im Interview spricht ALBAs Vizepräsident Henning Harnisch über die Idee hinter dem Projekt, erste Fundstücke, die Rolle der Schulen – und warum es höchste Zeit ist, der Sportart ein eigenes Museum zu geben.

Henning, Du hast über 20 Jahre lang aktiv Basketball gespielt: Welche Andenken hast Du bewahrt?
Ich habe zwei Plastikkisten, die sind voll mit Zeug. Ich schau mir das eigentlich nie an. Das sind sehr viele Zeitungstexte, einige Fotos. So was schmeißt man nicht weg. Und jetzt, wo ich mich selbst anders damit beschäftige, freue ich mich, dass ich den Kram noch habe. Ich treffe gerade Leute, die haben gar nichts – obwohl sie ein richtig sattes Sportleben hatten.

Wenn man sich in Deutschland auf die Spuren des Basketballs begeben will, ist man schnell auf einzelne Zeitzeug:innen, Sammler:innen, Chronist:innen angewiesen. Täuscht der Eindruck?
Nein, das ist genau so. Aber das ist Teil des großen Spaßes an der Sache. Es hat was Detektivisches. Man redet mit Leuten und plötzlich merkt man, was die alles wissen: Wie oft in den 60ern trainiert wurde, wer damals gespielt hat. Viele haben ihre eigenen Pokale, Trikots oder Fotos. Das sind Alltagsschätze! Genau das macht es für mich spannend.

image.alternative
image.alternative
image.alternative


Ist das der Grund, warum Du mit ALBA BERLIN ein Basketballmuseum schaffen willst?
Ja, das ist die Vision. Ein Ort, wo Basketballgeschichte erzählt wird – nicht nur die große ALBA-Geschichte mit Meisterschaften, sondern die ganze Berliner Geschichte, auch die deutsche. Es geht darum, was damals im Sport los war. Wie war das Training in den 80ern in Ost-Berlin? Was haben die Spieler:innen erlebt? Und dieser Ort soll vor allem ein Lernort für Schüler:innen sein, an dem sie mit Stadt, Geschichte und Basketball in Berührung kommen. Wir glauben, man kann richtig viel über Berlin lernen, wenn man sich mit Basketball beschäftigt.

Wie kam es zu der Idee?
Viele im Basketball fragen sich: Was gibt es zu unserer Geschichte? Warum gibt es keine Hall of Fame? Marco Baldi hatte die Idee und hat mich angesprochen. Ich musste kurz nachdenken, aber nach der langen Zeit mit Basketball als Spieler, im Profisport, im Aufbau des Jugend- und Sozialprogramms war mir klar: Das ist ein Feld, das bei uns noch fehlt. Zwar haben wir 2015 die ALBA-Chronik zum 25-jährigen Jubiläum rausgebracht, aber da geht noch viel mehr. Und wenn man schaut, was im Fußball schon museal passiert – da ist Basketball weit hinten. Warum sollen wir bei ALBA nicht wie an anderen Stellen Pionierarbeit leisten? Deutschland ist Basketballweltmeister, Deutschland ist Olympiasiegerin im 3x3: Es ist an der Zeit, dass wir uns der eigenen Geschichte widmen.

Unter Basketball Museum kann man sich vieles vorstellen und …
… es soll kein klassisches Museum sein, bei dem man nur durchgeht und sich Pokale anguckt. Es soll ein lebendiger Ort werden, mit Bewegung, mit Dialog. Ein Ort, der einlädt, Basketball zu verstehen. Und das nicht nur als Spiel, sondern als Teil von Geschichte, von Kultur, von Stadtleben. Wo man mitmachen kann, wo man sich selbst wiederfindet, als Fan, aber auch als ehemalige Spielerin, als Schiedsrichter, als Trainerin oder als Lehrer.

Gibt es Vorbilder und Inspiration?
Wir sind viel unterwegs, es gibt viele tolle Museen. Das Computerspielmuseum hier in der Stadt fand ich total spannend – auch, weil man da mitmachen kann. Wir tauschen uns mit ganz unterschiedlichen Leuten aus: Journalist:innen, Lehrer:innen, Historiker:innen, Museumspädagog:innen. Aber vor allem mit Menschen, die die Geschichte erlebt haben. Die was gesammelt haben, was erzählen können. Und man merkt: Je mehr man erzählt, desto mehr Leute melden sich und sagen: „Hey, ich hab da was!“

An welcher Stelle des Prozesses steht ihr jetzt gerade?
Wir sind noch am Anfang, doch es ist schon so viel passiert, dass wir sagen: Wir wollen das jetzt öffentlich machen, es ist ernst gemeint. Wir haben einen Newsletter ins Leben gerufen, es gab ein erstes Erzählcafé zum Thema Schulbasketball, und wir planen die ersten Ausstellungen. Wir bauen unser eigenes Archiv auf, führen Interviews mit Zeitzeug:innen, filmen das und sichten alte Fotos. Das braucht Zeit, aber es geht voran. Und das Schöne ist: Alle finden das gut. Das motiviert total.
 

Es gibt auch schon einen Namen: 28.15 – Basketball Museum. Was steckt dahinter?
Ich habe einen kleinen Feldtest gemacht mit dem Namen. Viele Leute, aus dem Basketball, waren erst mal ratlos. Aber: 28 mal 15 Meter sind die Maße eines europäischen Basketballfelds. Das ist unsere kulturelle Identität. Auf diesem Spielfeld sind wir zu Hause. Deswegen wollen wir das so nennen. Es wäre toll, wenn die Leute irgendwann wie selbstverständlich „Achtundzwanzigfünfzehn“ sagen, wenn sie von dem Museum sprechen.

Basketball ist eine der wenigen echten Weltsportarten. Wollt ihr das komplett abbilden?
Das ist ein Antrieb. Basketball hat eine wahnsinnige Geschichte, nicht nur als Spiel. Es geht um urbane Kultur, um Mode, um Gesten, um Sprache. Gleichzeitig verändert sich das Spiel. Das sieht man, wenn man sich alte Spiele anschaut und mit heute vergleicht. Aber der Kern soll Berlin sein. Weil man hier so viel durch Basketball erzählen kann: die Rolle der US-Amerikaner, Ost und West, Vereinslandschaft, Freiluftkultur, Schulsport. Ich finde, ALBA hat die Aufgabe, das mitzuerzählen, als Teil des großen Ganzen.

image.alternative
image.alternative


Wie geht ihr dieses große Ganze an?
Wir hatten erst mal eine Liste mit Namen, mit denen man unbedingt sprechen muss. Leute wie Matthias Strauss, Inge Laabs oder Dieter Wagner, die den Basketball in Berlin geprägt haben. Mit diesen Zeitzeug:innen haben wir die ersten Interviews geführt, ein gutes Dutzend bisher. Das sollen in den nächsten zwei Jahren 50 bis 80 werden, als Grundlage für das Museum. Und zusätzlich bauen wir ein Archiv auf, mit Fotos, mit Fundstücken, digital und analog. Und wir planen Ausstellungen, die bestimmte Themen aufgreifen. Zur Basketball-WM der Frauen in Berlin nächstes Jahr soll eine stattfinden zur Geschichte des Frauenbasketballs. Das ist uns auch wichtig: Dass wir die Archivarbeit gleich sichtbar machen und die Leute etwas davon mitbekommen.

Erzähl uns mehr von den Zeitzeug:innen: Wen habt ihr getroffen, was ist dir im Gedächtnis geblieben?
Es ist immer berührend, mit diesen Leuten zu sprechen. Die meisten sind über 70, manche sogar 90. Da ist so eine Freundlichkeit, und gleichzeitig dieses Gefühl: Wenn jemand Basketballer:in ist, klickt es sofort. Viele müssen sich erst ein bisschen wachreden, weil sie diesen Teil ihres Lebens schon abgelegt hatten, aber sie freuen sich, dass das doch noch mal eine Rolle spielt. Ich fühle mich manchmal selber wie ein Banause, weil ich so vieles gar nicht wusste. Beim Ostberliner Basketball zum Beispiel. Ich wusste, dass Basketball in der DDR eine der Sportarten war, die sich quasi selber abschaffen sollte, weil sie keine Medaillenchance hatte. Aber was da trotzdem alles passiert ist, wie da gearbeitet wurde, da war mir vieles neu. Zum Beispiel die Akademie der Wissenschaften in Berlin, die ein richtiger Serienmeister war. Oder einen Typ wie Frank Retzlaff kennenzulernen, ein Vorzeigecenter des DDR-Basketballs, was der zu erzählen hat. Das ist alles richtig interessant.

Seid ihr schon auf ein paar schöne Fundstücke gestoßen?
Es gibt diese Tausendsassas, die den Schul- und Vereinsbasketball in Berlin geprägt haben. Gerhard Schmidt ist einer davon, ein ehemaliger Sportlehrer in Zehlendorf, 87 Jahre alt, immer noch topfit. Er hat uns seine Chucks aus dem Jahr 1959 gezeigt. Die sahen immer noch echt gut aus, das war berührend. Er hat auch einen Super-8-Film vom Olympia-Endspiel 1972, USA gegen UdSSR. Den schauen wir uns beim nächsten Mal hoffentlich an. Und dann natürlich: alte Fernsehaufnahmen. Nicht nur vom Spiel, sondern auch die Interviews: Svetislav Pešić im Studio, Marco Baldi im Interview. Da sieht man nicht nur Basketball, sondern auch den Zeitgeist – was die Leute anhatten, wie sie geredet haben. Ich finde den visuellen Aspekt total wichtig für die Erzählung. Wer weiß denn, wie Holger Geschwindner, der Mentor von Dirk Nowitzki, Basketball gespielt hat? Wie haben die Frauen in den 60ern gespielt? Diese Szenen haben einen großen Wert.

Kann man davon bald etwas sehen?
Wir arbeiten als Zwischenschritt gerade an einer digitalen Plattform, die schon Museumscharakter hat. Und wir starten mit einem Instagram-Kanal. Dort wollen wir erste Inhalte zeigen. Verantwortlich dafür ist Conrad Ziesch, der das in den letzten Jahren auf seinem eigenen Kanal @berlin.basketball.cafe schon überragend gemacht hat. Parallel sind wir mit Schulen im Austausch, mit denen wir bereits zusammenarbeiten, etwa das Eckener-Gymnasium, das Barnim-Gymnasium und die Heinrich-Schliemann-Oberschule. Da entstehen gerade Projekte, durch die Schüler:innen mit uns forschen können.

Wenn basketballbegeisterte Menschen sich gerne am Basketball Museum beteiligen wollen: Ist das möglich?
Wer unseren Newsletter erhalten möchte, Ideen hat oder zu unserem Museum gerne etwas beisteuern möchte, soll sich einfach melden. Das geht am besten per Mail (museum@albaberlin.de). Uns ist wichtig: Es soll einen echten Dialog geben. Wir wissen von einem Fan, der hat zu Hause 400 Trikots. Andere haben ein Foto, ein altes Heft, ein Stück Geschichte. Die ALBA-Fankultur ist dabei sehr wichtig. Aber es geht um ganz Berlin. Und auch darum, wie man den Sport selbst gelebt hat. Viele wissen gar nicht, dass das spannend sein kann. Wir haben so ein Heft gefunden, da küsst ein Mädchen einen Basketball, und drunter steht: „Basketball macht glücklich.“ Damit unterschreiben wir jetzt unseren Newsletter. Es geht für uns nicht darum, alles selbst zu besitzen. Es hilft uns schon zu wissen, wer was hat und dass man darauf vielleicht einmal zurückgreifen kann.

Und am Ende wühlst du mal in deinen eigenen Kisten?
Die werde ich jetzt rausholen und durchsuchen. Ganz bestimmt.