
Das erste ganz große Highlight der Saison steht mit dem BMW TOP FOUR in München kurz bevor. Zeit, ein Zwischenfazit der bisherigen ALBA-Saison zu ziehen! Vor dem Halbfinale gegen Oldenburg am Samstag (21. Februar) haben wir mit Pedro Calles gesprochen. Im Interview gibt der Headcoach der Albatrosse Auskunft über sein erstes Jahr in Berlin, die Entwicklung seines Teams in dieser Saison und den ganz eigenen Reiz von Pokalspielen. (Foto: Tilo Wiedensohler)
Was begeistert dich als Trainer mehr: das schachähnliche Taktieren einer Playoff-Serie oder der Alles-oder-Nichts-Charakter von Pokalspielen?
Ein Do-or-Die-Spiel hat eine ganz besondere Intensität. Man bereitet sich gut vor, hat einen klaren Plan – und muss dann im Spiel Anpassungen vornehmen. Es gibt keine Tage dazwischen, keine zweite Chance. Alles passiert in dieser einen Partie und genau das macht den Pokalwettbewerb so besonders.
Du bist jetzt seit ungefähr einem Jahr bei ALBA. Welches Fazit ziehst du persönlich?
Ein sehr positives. Es ist ein Privileg, für diesen Club arbeiten zu dürfen. Das Menschliche spielt hier eine große Rolle, und das hilft allen. Gleichzeitig war es ein Jahr voller Veränderungen. Zuerst meine Rolle: Der Start als Assistenztrainer war schon eine Umstellung, dann wurde ich mitten in der Saison Cheftrainer. Learning by doing: Der Spielplan war komplett anders als alles, was ich vorher erlebt hatte. Das Training, wie ich es gewohnt war, war so nicht umsetzbar – allein wegen des schieren Pensums an Partien.
Und in dieser Saison?
Auch der Sommer war herausfordernd. Der Kader hat sich sehr verändert: Viele Spieler sind gegangen und neue – teilweise sehr spät – dazugekommen. Das Beste ist aber die Atmosphäre in unserer Kabine. In den letzten sechs Monaten sind unsere Chemie und unser Zusammenhalt Woche für Woche gewachsen. Das ist der Schlüssel unserer Arbeit. Dazu kommt der lockerere Spielplan und dass wir einige entscheidende Spiele gewinnen konnten. Das stärkt das Selbstvertrauen in der Mannschaft. Das ist wichtig – auch mit Hinblick auf das TOP FOUR.
Wie erlebst du denn dein Team in diesen Tagen?
Wir arbeiten einfach gern zusammen. Natürlich kommen nicht immer alle mit einem breiten Lächeln im Gesicht zum Training, erst recht nicht nach Niederlagen. Was mich aber beeindruckt, ist: Es herrscht nie richtig schlechte Stimmung. Die Jungs respektieren sich, helfen einander. Die Charaktere passen gut zusammen. Es gibt keine Egos im Team – dadurch genießen alle die gemeinsame Reise. Diesen Spirit haben wir auch in den letzten Spielen gegen Bamberg und Hamburg gesehen. Trotz vieler Ausfälle funktionieren wir als Einheit – alle springen füreinander in die Bresche.
Wie schnell haben die neuen Spieler sich mit der ALBA-DNA identifiziert?
Menschlich sehr schnell. Wie in den vergangenen Jahren wurde auch in diesem Sommer großer Wert auf Charakter bei der Rekrutierung der neuen Spieler gelegt. Trotzdem gab es zu Beginn auch Herausforderungen: J’Wan spielt erstmals in Europa, Mo auch. Alex hatte vorher nur ein wenig Erfahrung in Italien sammeln können. All diese Jungs mussten sich nicht nur an ALBA gewöhnen, sondern generell an europäischen Basketball. Die Entwicklung verlief schrittweise, aber nach etwa drei Monaten hat man gesehen, dass wir als Team konstanter wurden und die Einzelteile besser ineinandergriffen.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: Jetzt ist das Team wirklich zusammengewachsen?
Nicht den einen Moment, aber es gab mehrere wichtige Momente. Unser erstes Do-or-Die-Spiel im Pokal gegen Ulm zuhause war richtungsweisend. Eine Woche später haben wir das prestigeträchtige Duell gegen Bayern gewonnen – und das direkt nach dem Abgang von Boogie Ellis, den wir vor der Saison als Schlüsselspieler eingeplant hatten. Das hat uns als Team weiter zusammengeschweißt. Auch das Spiel in Chalon, in dem wir ohne Martin gespielt haben und trotzdem den ersten Platz klargemacht haben. Solche Siege haben Vertrauen und Zusammenhalt gestärkt.
Wofür steht ALBA-Basketball in dieser Saison?
Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Wir folgen einfach dem Motto dieses Klubs: Mit Leib und Seele. Wir wollen an beiden Enden des Spielfelds hart und mit viel Energie spielen. Vielleicht sind wir nicht das talentierteste Team, aber das hält uns nicht davon ab, immer ans Limit zu gehen. Offensiv wollen wir mit Tempo spielen und so viele „Paint Touches“ wie möglich kreieren, besonders früh im Angriff. Das ist die Grundlage unserer Philosophie. Zudem verteilen wir den Ball sehr gut – wir gehören bei der Assist-Quote zu den Top-Teams.
Martin Hermansson ist ein wichtiger Eckpfeiler der Mannschaft, fällt aber definitiv für das TOP FOUR aus. Wer soll das auffangen?
Klingt klischeehaft, aber: das Team. Wir können Martin nicht ersetzen – weder seine Punkte noch seine Assists oder seine Führungsqualitäten. Er legt durchschnittlich 13 Punkte und 5 Assists auf – also reden wir hier von rund 25 Punkten, an denen er direkt beteiligt ist. Dazu ist er unser erfahrenster Spieler. Diese Verantwortung kann man nicht auf eine Person übertragen. Wir müssen das gemeinsam lösen und noch mehr als Team agieren. Wir sind auf einem guten Weg.
Bereitet ihr euch auf das Halbfinale wie auf jedes andere Spiel vor oder verändert ihr etwas vor dem TOP FOUR?
Das Besondere ist, dass wir auf einen Gegner treffen, auf den wir kürzlich schon getroffen sind. Wir haben knapp in Oldenburg verloren. Im Coaching-Team würden wir uns manchmal gern ausführlicher vorbereiten, aber der Schedule gibt uns eben einen anderen Fahrplan vor. Im Sport kann alles sehr schnell gehen – das sehen wir gerade in puncto Verletzungen. Sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen, ist dann die Kunst.
Euer Halbfinalgegner Oldenburg ist dein ehemaliges Team. Zusätzliche Motivation für dich?
Ich habe sehr gute Erinnerungen an meine Zeit dort – beruflich und privat. Die Oldenburger haben im Ligaspiel gegen uns sehr gut gespielt. Außerdem sind sie seit dem Trainerwechsel eines der formstärksten Teams. Sie spielen guten Basketball, haben Talent, treffen ihre Würfe hochprozentig und sind physisch stark. Deshalb waren sie zuletzt so erfolgreich. Wir erwarten auf jeden Fall einen packenden Fight um den Finaleinzug.
